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Band IV (1992) Spalten 1565-1572 Autor: Klaus Grünwaldt

LEVI, Sohn des Jakob. Die Etymologie des Namens L. ist unsicher, am wahrscheinlichsten ist aber, daß L. ein »hypokoristischer Personenname mit der Bedeutung Anhänger, Klient, Verehrer des Gottes X« ist (Kellermann, ThWAT 506; auch Seebass, TRE 39). L. ist der dritte Sohn Leas von Jakob. Von der Einzelperson L. und dem sich hieraus ableitenden Stamm ist die Gruppe der Leviten/levitischen Priester zu unterscheiden; die Aufhellung der Verbindung zwischen der Person und dem »weltlichen Stamm« einerseits, sowie den Leviten bzw. dem »geistlichen Stamm« andererseits gehört zu den schwierigen Problemen der atl. Wissenschaft. Umstritten ist schon die Frage, ob es einen »weltlichen Stamm« L. überhaupt gegeben hat. Für diese Auffassung werden auf der einen Seite 1.Mose 34; 49,5-7, die von kämpferischen Aktionen L.s (und Simeons) sprechen und auf der anderen Seite diejenigen Stämmelisten, in denen L. vorkommt: 1. Mose 29,31-30,24; 35,16-18; 35,23-26; 46,8-25; 49,3-27; 2.Mose 1,2-4; 5.Mose 27,12-13; 33,6-25; Ezechiel 48,31-35; 1. Chronik 2,1 f., als Argument angeführt. Zwar ist 1.Mose 34 für diese These kaum beweiskräftig, und auch gehen die Stämmelisten nicht alle auf selbständige Tradition zurück - 1.Mose 35,23-26; 34,8-25; 2.Mose 1,2-4; Ez 48,31-35; 1.Chr 2,1 f. etwa sind von 5.Mose 33,6-25, welche Liste für den »geistlichen Stamm« L. zeugt, abhängig (Seebass, TRE, 39) -, jedoch bleibt ausreichend Textmaterial, um die Auffassung eines weltlichen Stammes L. aufrecht zu erhalten. Besonders 1.Mose 49,5-7a erscheint als sehr alte, unableitbare Tradition, die schon allein die Beweislast für einen »weltlichen Stamm« zu tragen vermag. Näheres über die Geschichte und das Wesen dieses Stammes läßt sich freilich nicht mehr ermitteln. Bemerkenwert ist jedoch, daß sich der Sprecher des Jakobsegens 1. Mose 49 deutlich von L. und Simeon distanziert; und belegen Stämmelisten, in denen L. fehlt (und in denen die Zwölfzahl der Stämme durch die Teilung Josefs in Efraim und Manasse aufrechterhalten ist): 4.Mose 1,5-15; 20-43; 2,3-31; 7,12-83; 10,14-28; 13,4-15; 26,5-51; Jos 13-19; 21,4-7.9-39 den (wann erfolgten?) Untergang des Stammes L.? - In theologisch qualifizierten Kontexten findet sich (der Stamm) L. in 1.Mose 34; 2.Mose 32,25-29 und 5.Mose 33,8-11. Von diesen Texten her dürfte der Weg zu den späteren Leviten führen. In 1. Mose 34 tritt L. mit Simeon für israelitisches Recht gegenüber einer fremden Volksgruppe ein, wobei das Delikt: eine Verletzung des Gastrechtes in sexueller Hinsicht an Richter 19-20 erinnert (mit dem Unterschied, daß dort explizit ein Levit der Betroffene ist). Gerade mit dem Sexualrecht aber ist eine religiös höchst sensible Sphäre berührt, weswegen man 1.Mose 34 nicht »weltlich«, sondern »religiös« zu interpretieren hat. 2.Mose 32,29 und die zur Illustration angefügte uns brutal anmutende Erzählung in V.25-28 fügt sich insofern zu 5.Mose 33,8-11, als ein hier wie dort beherrschendes Motiv das der Vereinzelung L.s gegenüber seinen Verwandten ist. Diese familiäre Aussonderung - hängt hiermit die spätere Landlosigkeit der Leviten zusammen ? - befähigt erst zum Priesterdienst. - Von hierher erklärt sich auch die besondere Fürsorge, der die Leviten schon in vordeuteronomistischen Passagen des 5.Mosebuches anbefohlen sind: der »Levit in deinen Toren« (5.Mose 12,12.18; 14,27.29; 16,11.14; 26,11-13) ist ebenso bedürftig wie die Witwe, Waisen und der Schutzbürger (für die juristisch auch kein Familienmitglied eintreten kann). Wie der Schutzbürger empfängt er vom Zehnten (5.Mose 36,12 f.). Die Ausnutzung des Zustandes der Rechtlosigkeit illustriert Richter 19 f. Mose wird in 2.Mose 2,1 als Levit bezeichnet (dazu Schmidt 1988). Vielleicht haben ihn die Leviten zu den Ihrigen gerechnet aufgrund eines Eifers für Jahwe. Volle priesterliche Dignität besitzen die Leviten nach der Theorie des Deuteronomiums (5.Mose). Das Priestergesetz 5.Mose 18,1-8 sieht vor, daß sie berechtigt sind, Dienst am Zentralheiligtum zu tun (vgl. auch 10,8). Damit waren Probleme vorprogrammiert, die in den späteren Entwürfen (Ezechiel; Priesterschrift; Chronistisches Geschichtswerk) zum Tragen kommen mußten. Auf der Linie der Theologie des Deuteronomiums liegt das Wort von dem »Bund« mit Levi (Jer 33,18.21; Neh 13,29; Mal 2,1-9), das teils verheißenden, teils anklagenden Charakter haben kann. - Der Verfassungsentwurf Ezechiels (Ez 40-48) trennt zwischen levitischen Priestern (die von Zadok abstammen) und den Leviten. Diese sind in untergeordneten Positionen zu finden. Sie dienen als Torwächter, Polizisten, Opferschlächter und Handlanger, weil sie Israel beim Götzendienst geholfen haben. - Auch die Priesterschrift - die zur Verhandlung stehenden Texte stammen wohl vornehmlich aus späteren Schichten - scheidet streng zwischen Priestern und Leviten. Priester im eigentlichen Sinne sind die »Söhne Aarons«, zu denen auch die Zadokiden zu rechnen sind. Die restlichen nicht aaronidischen Nachkommen Levis bilden den niederen Klerus. Die Auseinandersetzung zwischen Priestern und Leviten sind an einigen Stellen noch handgreiflich zu entdecken, so z.B. in der Erzählung von Korach 4.Mose 16-18. Während die Aufgaben der Priester in der Priesterschrift nun klar definiert sind, erfährt man über den Levitendienst kaum etwas Konkretes; es geht (in der P-Fiktion) um Hilfsdienste am Wüstenheiligtum, beim Aufbau und Transport, aus denen man kaum eindeutig Dienste am zweiten Tempel ableiten kann. Konkreter, wenn auch widersprüchlich, sind Angaben über das Dienstalter: nach 4.Mose 4 reicht es vom 30. bis zum 50. Lebensjahr, nach 4.Mose 8,23-26 kann es schon mit 25 Jahren beginnen. Der Lebensunterhalt wird durch den Zehnten geregelt (4.Mose 18,21 u.ö.), wenn auch die Idee der Besitzlosigkeit der Leviten sich in der Priesterschrift nicht unbedingt durchgehalten hat: 3.Mose 25,29 ff. rechnet damit, daß Leviten Häuser besitzen, wozu auch Weideland gehört. Analog der Priesterweihe (2.Mose 29; 3.Mose 8) kennt die Priesterschrift eine Levitenweihe 4.Mose 8,5-22; theologisch von Belang ist 4.Mose 3,11-13 (40-51): Mose soll für Jahwe die Leviten aussondern statt aller Erstgeburt der Israeliten. Hängt diese Auffassung damit zusammen, daß seinerseits Jahwe der »Erbteil« der Leviten ist (4.Mose 18,20P)? - Eine ebenfalls sehr breite Überlieferung zu den Leviten enthält das chronistische Geschichtswerk (ca. 3.Jh. v.Chr.). Die in der Priesterschrift vollzogene Trennung zwischen Priestern und Leviten ist weiter verfestigt, doch zeichnen sich nun konkrete Konturen ihres Dienstes ab. Sie sind Wächter am und im Tempel, kümmern sich um Abgaben, Maße und Gewichte, sind Sänger, Musiker und Türhüter. Allerdings sind auch innere Streitigkeiten zwischen den verschiedenen levitischen Geschlechtern aus den Genealogien herauszulesen (dazu Gese 21984; Oeming 1990). Neh 13,10 ff. erzählt davon, daß Leviten wegen des Ausbleibens ihrer Versorgung ihren Dienst bestreikten. Den Chronisten vorgegeben war die in Esra 2/Nehemia 7 aufgenommene »Liste der Heimkehrer«. Hier werden die Leviten noch getrennt von den Sängern und Torhütern genannt. - »Rätselhaft« (Kellermann 1984, 510) ist die Anordnung, 48 Levitenstädte einzurichten (Jos 21,1-42; vgl. 1.Chr 6,39-66), da sie der Theorie der levitischen Grundbesitzlosigkeit widerspricht. Überprüft man die Städte auf einer Landkarte, so zeigen sich Aussparungen südlich von Jerusalem und im Zentrum des Nordreiches. Möglicherweise zeigen sich hierin Erinnerungen an Levitenwohnorte in der Zeit bald nach der Gründung der Staatsheiligtümer Jerusalem und Betel (Seebass, TRE, 37 im Anschluß an de Vaux). - Nachklänge der levitischen Predigttätigkeit hat man versucht, im chronistischen Geschichtswerk und im Deuteronomium nachzuweisen (vgl. die Diskussion bei Mathias 1984: wichtigster Vertreter war Gerhard von Rad). Dagegen ist jedoch einzuwenden, daß die für eine levitische Predigttätigkeit angeführten Stellen 2.Chr 35,3 und Neh 8,7 f. die gesamte Beweislast der These kaum zu tragen vermögen. So ist authentisches Zeugnis der Leviten nicht mit Sicherheit im Alten Testament nachzuweisen. - Im Neuen Testament geht in der Beispielerzählung vom barmherzigen Samariter ein Levit am Überfallenen vorbei (Lukas 10,32); nach Joh 1,19 senden die Juden Priester und Leviten zu Johannes, um ihn zu fragen, wer er sei.

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Klaus Grünwaldt

Letzte Änderung: 09.06.1998